Graffiti-Künstler Fatso: 'Jeder kann ein Künstler sein - aber man muss es wirklich wollen'
21.02.2026 | 18:25
Der Name Fatso taucht in ganz Großbritannien immer wieder auf Hauswänden und Brücken auf. Ob das Kunst ist? Da ist er sich selbst nicht immer sicher. Für ihn geht es vor allem darum, draußen Spuren zu hinterlassen und der Kultur etwas Farbe zu geben.
Graffiti, sagt er, funktioniert am stärksten im illegalen Raum. Wenn man Zeit und Energie in ein Tag oder ein aufwendiges Piece steckt, entsteht die besondere Spannung erst durch das Risiko. Ohne diesen Nervenkitzel fehle ein Teil der Intensität. Man müsse schon sehr überzeugt von sich und seinen Gedanken sein, um sie groß an eine Wand zu schreiben - sichtbar für eine ganze Stadt.
Seine Sprüche speisen sich aus allem Möglichen: Gesprächsfetzen, Begegnungen, Beobachtungen, Rap-Zeilen, viel UK- und Atlanta-Trap. Wortspiele reizen ihn besonders, ebenso Begriffe mit doppelter Bedeutung. Slang und gesellschaftliche Kommentare ziehen sich durch seine Arbeiten. Sprache ist für ihn ein Werkzeug - richtig eingesetzt, bringt sie Menschen dazu hinzuhören, sei es aus Begeisterung oder aus Irritation.
Lange Zeit trennte er strikt zwischen seinem klassischen Kunstschaffen und seinem Graffiti-Alter-Ego. Doch inzwischen verschwimmen diese Grenzen. Es sei letztlich derselbe Kopf, dieselben Ideen - nur unterschiedliche Ausdrucksformen. London bezeichnet er als eine der spannendsten Graffiti-Städte weltweit, mit einer Geschichte, die sich nicht einfach überschreiben lasse. Neue Kapitel könne man jedoch immer schreiben. Die Stadt habe ihn geprägt, trotz aller Vorurteile gegenüber Graffiti. Für ihn ist klar: Wenn jemand einen großen Chrom-Tag als Kunst sieht, kann er das nicht kontrollieren. Er selbst weiß, dass es Vandalismus ist - aber auch Teil einer lebendigen Kultur.
Das Internet sieht er mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es eine offene Bühne ohne feste Regeln - bunt, laut, manchmal wie ein Zirkus. Andererseits werde es immer schwieriger zu unterscheiden, wer wirklich aus Leidenschaft handelt und wer nur ein Produkt digitaler Trends ist. Früher habe man sich vieles selbst erarbeitet, durch Reisen, Bücher und Gespräche. Heute wisse man oft schon alles über einen Ort oder eine Subkultur, bevor man sie überhaupt erlebt habe.
Gleichzeitig habe Social Media die Szene international vernetzt. Man bekomme Einblicke in Graffiti-Kulturen von Städten, von denen man sonst nie erfahren hätte. Natürlich gebe es wie überall Missbrauch - manche übertreiben es einfach, auch online. Doch genauso werde es immer Menschen geben, die tiefer graben, recherchieren und nicht nur an der Oberfläche kratzen.
Seine Grundhaltung ist simpel: Jeder kann Künstler sein, wenn er es wirklich will. Nicht jeder möchte das - und das sei völlig in Ordnung. Kunst verlange auch eine gewisse Verletzlichkeit, die Bereitschaft, offen zu sagen: Das ist mein Werk. Selbst wer sich sehr ernst nimmt, bleibe angreifbar.
Er glaubt, dass viele Graffiti-Sprayer das Potenzial zu großen Künstlern hätten. Denn sie haben den entscheidenden Schritt bereits gemacht - sie zeigen ihre Arbeiten öffentlich. Während manche im Atelier Werke schaffen, die nie jemand sieht, gehen Writer nach draußen und stellen sich dem direkten Vergleich. Auf der Straße kann ein anderes Werk übermalt oder daneben gesetzt werden. Online oder in einer Galerie bleibt ein Werk meist unberührt. Graffiti-Künstler seien diesem Risiko längst ausgesetzt - auch wenn sie sich nicht immer als Künstler verstehen.
Ein Thema liegt ihm besonders am Herzen: Die Unterrepräsentation Schwarzer Menschen in der Kreativbranche und im Kunstbetrieb. Er sieht zwar Veränderungen, aber der Weg sei noch lang. Viele in ihren Communities hätten Kunst nie als realistische Option wahrgenommen. Wer später ins Rennen startet, brauche eben mehr Zeit, um aufzuholen. Doch genau daran wolle er mitwirken - Schritt für Schritt.